Jiddismen

 deutsche Worte mit jüdischen Wurzeln

„Boss“, „Kaff“, „Macke“ und „Zocken“ – das sind Worte des täglichen deutschen Sprachgebrauches. Dass diese deutschen Worte jüdische Wurzeln haben, wird den allermeisten Menschen nicht bekannt sein...

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Mit der Plakataktion „Jiddismen – deutsche Worte mit jüdischen Wurzeln“ wollen die Stadtbibliothek Brilon und die Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit ADA des Caritasverbandes Brilon Begriffe des deutschen Sprachgebrauches vorstellen und deren jüdischen Hintergrund sowie dessen Bedeutung erläutern.

Plakativ werden die Worte vom 15.10. bis zum 30.11. an vielen Stellen in der Stadt sichtbar - an dieser Stelle erfahren Sie mehr zu den Hintergründen und Geschichten der einzelnen Worte.  

Die Beteiligten möchten so zumindest in Teilen versuchen, gängige, oft diskriminierende Bilder über jüdisches Leben zu dekonstruieren (abzubauen).

 Da Antisemitismus sich oft auch in der Sprache zeigt, wollen wir durch die Plakate nicht nur jüdisches Leben sichtbar machen, sondern dazu einladen, einen gemeinsamen Denkprozess mit Ihnen zu starten, der stigmatisierende und diskriminierende Bilder zu Menschen jüdischen Glaubens hinterfragt. Darum möchten wir, die Stadtbibliothek Brilon und die Servicestelle ADA, die Chance nutzen, zu neuem Sprachbewusstsein anzuregen.

Boss

Substantiv, maskulin [der] = Der Chef, der Leiter.

Jiddisch: Die Balebosste, der Baleboss: Die Hausherrin, der Hausherr.

Erläuterung: Im Mittelalter wurden in den Steuerlisten die Haushaltsvorstände erfasst. In westjiddischen Haushalten war oft die Frau „der Boss“, da die Männer unter der Woche außerhalb tätig waren.

Kaff

Substantiv, neutrum [das] = Dorf, kleinere, abgelegene Ortschaft.

Jiddisch: k´efar = Dorf

Erläuterung: Bei Kaff, das eigentlich schlicht „Dorf“ heißt, wird die negative Assoziation recht deutlich. Wir assoziieren es oftmals mit „Kuh“ und einem Ort an dem einfach überhaupt nichts los ist. Orte, an denen jüdische Menschen leben mussten, waren meist ländlich und ziemlich trostlos, weswegen die Servicestelle Antidiskriminierungsarbeit von einer Verwendung dieses Wortes abrät.

Koscher

Adjektiv = rein, in Ordnung
Jiddisch: Koscher im Sinn von Speisen, die gemäß der jüdischen Speisegesetze zulässig sind

Macke

Macke: Substantiv, feminin [die]

1. eine seltsame Eigenart, die typisch für eine Person ist

2. Fehler, Defekt

Jiddisch: macken/mackes =Schaden, Fehler, Gebrechen

Maloche

Substantiv, feminin [die] = körperliche harte Arbeit

Jiddisch: melochee, malochee harte Arbeit; Handwerk

Erläuterung: Zu dem Wort Malochen, welches durchaus positiv im Sinne von gebührender Anerkennung verwendet wird, sollte man sich die Geschichte Deutschlands anschauen. Man kann sich die Frage stellen, wer in Deutschland oftmals Teil der Arbeiterklasse war. Maloche wird häufig mit Bergbau und Handwerk verknüpft. (vgl. Heid/jüdische Allgemeine, 2019)

Mauern

Verb = ablehnen (Skat), trotz guter Karten zurückhaltend spielen, kein Spiel wagen.

Jiddisch:  moire = Angst, Furcht, auch „Mores haben“, sich fürchten

Erläuterung: Das kennen doch die Skatspieler:innen unter uns! Jiddismen sind übrigens vor allem in Dialekten zu finden: Beispielsweise im Plattdeutsch. So ist auch das Rhein-Ruhgebiet sehr bekannt für seine Jiddismen (vgl. LVR, Honnen).

Mies

Adjektiv = in Verdruss, Ärger, Ablehnung hervorrufender Weise schlecht; unter dem zu erwartenden Niveau.

Jiddisch: mis = schlecht, widerlich, verachtet, verächtlich

Erläuterung: Ein wirklich mieses Wort, was in seiner Bedeutung einfach von vornherein für miese Sachen stand (vgl. Gutknecht, 2012).

Moos

Substantiv, neutrum [das] = Kleingeld, Münzen 

Jiddisch: moo, Plural: Moos, mous   Pfennig, Geld

Erläuterung: Es galt in den früheren Zeiten noch als geheim (siehe schmusen) - heute weiß jeder: „Ohne Moos nix los“. Das Wissen über die Wirkung des Geldes war also immer klar.

Schabbat

Substantiv, maskulin [der] = von Freitagabend bis Samstagabend dauernder Ruhetag im Judentum.

Jiddisch: Schabbat, Schabbes, In den christlichen Schriften als „Sabbat“ überliefert

Erläuterung: Das Judentum und das Christentum haben Verbindendes und Trennendes. Schabbat wird vorwiegend bei Adventisten und anderen kleinen christlichen Gruppen gefeiert. Die christliche Übernahme solcher Feiertage wird aber aus jüdischer Sicht nicht unbedingt positiv betrachtet. Ronen Steinke erklärt in seinem Buch „Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt“ eindrucksvoll, warum die „eingedeutschte“ Aussprache von dem Wort „Sabbat“ für viele jüdische Menschen befremdlich und teilweise auch diskriminierend ist. Dies hat vor allem auch theologische Hintergründe (vgl. Steinke, 2020, S. 40, ff). Darum die Schreibweise mit „SCH“.  Der Tag des Schabbats war leider mit vielen Anfeindungen für Jüdinnen und Juden auf dem Land verbunden. Der Sonntag hingegen ist für die jüdischen Menschen kein Feiertag. Sie sind somit von Christen zu Sündern abgestempelt worden. Luther griff dies entsprechend in seinen Hetzschriften auf, u. a. „Wider die Sabbather“ (1538).

Schlamassel

Substantiv, maskulin, oder Substantiv, neutrum [der] oder [das]

Jiddisch:  Schlamassel = Pech, Unglück, Missgeschick, Gegenteil zu Massel= Glück

Erläuterung: Schlamassel ist das Gegenteil von Massel=Glück (ausgesprochen mit einem weichem s). Diese Worte kann man relativ bedenkenlos verwenden. Denn in der Regel werden sie in ihrer Bedeutung nicht umgedeutet. Sie werden „at face value“ verwendet - also ziemlich genau so, wie sie in der ursprünglichen Sprache auch Verwendung finden. Weitere Beispiele sind Chuzpe (Dreistigkeit) oder meschugge (nicht ganz bei Sinnen). Leider ist das nicht der Fall bei allen Worten, die aus dem Jiddischen verwendet werden, wie wir zu zeigen versuchen (vgl. Steinke, S. 20).

Schmusen

Verb: 1. mit jemandem zärtlich sein, Liebkosungen

           2. Anschmusen: sich bei jemandem anbiedern

Jiddisch: schmuos (Plural von schmuo) = "Gerücht, Gerede“, kam über das Rotwelsche mit der Bedeutung „schwatzen“, „schmeicheln“, „zugeneigt sein“.

Erläuterung: Bei dem Wort erkennt man was für ein Glück es ist, dass Westjiddisch in der deutschen Sprache geblieben ist. Mit „Rotwelsch“ wird ein Dialekt der Unterwelt in Deutschland bezeichnet, die sogenannte "Gaunersprache“. Da jiddische Worte oder auch die Sprache der Rom:ja und Sinti:zze in diesen Sprachgebrauch gefallen sind, liegt nicht etwa daran, dass sie einfach „mehr Hang“ zu Kriminalität hatten. Nein, es liegt daran, dass sie in der Zeit in der diese „Geheimsprache“ entstanden ist massiv gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren haben und als kriminell stigmatisiert wurden. Somit wurde auch Ihre Sprache kriminalisiert und bei weiterer unreflektierter Verwendung der Worte, wie beispielsweise „Mischpoke“ wird so gesehen weiter diskriminiert (vgl. Zeit Online/Högele, 2020).

Stuss

Substantiv, maskulin [der]

Jiddisch: "shtus" = unsinnige Äußerung, Irrsinn

Erläuterung: Die Verwendung hat genauso wie Schlamassel auch im Ursprung die gleiche Sinnbedeutung und ist somit, wie meschugge oder Chuzpe eine Bereicherung für die deutsche Sprache.

Tacheless

Substantiv, maskulin [der]: umgangssprachlich, offen reden, Klartext reden

Jiddisch: tachlis = Endzweck, Vollkommenheit, zielgerichtet reden.

Zocken

Verb: 1. Glückspiel machen 

           2. ein [Computer]spiel spielen.

Jiddisch: zschoken = spielen, Glücksspiel.

Erläuterung: heute zocken viele. Doch das sogenannte "Zocken“ findet in der Gesellschaft nicht immer Beifall. Am besten zu beschreiben ist es mit dem Worten von Christopher Gutknecht, der Sprachgeschichte(n) für die jüdische Allgemeine schreibt: „Beim Wertungsaspekt hat man zu differenzieren: Beim Sport deutet die Verwendung auf eine neutrale bis anerkennende Position des Sprechers: «Wir haben durch unsere Auftritte im Pokal dazugelernt und sind viel abgezockter geworden.» Bezieht sich «abgezockt» auf Wirtschaft, Kultur oder Politik, so verraten die Belege meist eine negativ-abwertende Einstellung, wie auch dieses Zitat aus der Wochenzeitung «Die Zeit» verrät: «Was haben wir ihm (dem Banker) nicht alles angedichtet? Abgezockter Yuppie, eiskalter Betrüger, neureicher Blender»“ (Gutknecht, 2018).

 

 

 

Quellen:

Gutknecht, Christopher (2012, 31. Juli): Ganz schön mies. Ein hässliches Wort mit hebräischen Wurzeln. Jüdische Allgemeine. URL:  https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ganz-schoen-mies/ . Zuletzt aufgerufen am: 28.09.2021.

Gutknecht, Christopher (2018, 16. Juli): Verzockt. Vom Lachen über das Spielen zum Absahnen – die phänomenale Entwicklung eines jiddischen Wortes. Jüdische Allgemeine. URL:  https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/verzockt-2/. Zuletzt aufgerufen am: 28.09.2021.

Heid, Ludger (2019, 10. März): Bergbau. Die Malocher. In den 20er-Jahren arbeiteten auch viele Ostjuden im Ruhrgebiet unter Tage. Ein Blick zurück. Jüdische Allgemeine. URL: https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/die-malocher/ . Zuletzt aufgerufen am: 28.09.2021.

Högele, Tessan (2020, 8. Oktober): Mauscheln, Mischpoke, Semit*innen: Wie judenfeindlich ist unsere Sprache? Zett bei Zeit Online. URL: https://ze.tt/mauscheln-mischpoke-semitinnen-wie-judenfeindlich-ist-unsere-sprache/ . Zuletzt aufgerufen am: 28.09.2021.

Honnen, Peter: Jiddisch im Rheinland. Wissensportal LVR. URL: https://rheinische-landeskunde.lvr.de/de/sprache/wissensportal_neu/sprachgeschichte/fremde_sprachen_und_sprachliche_einfluesse/jiddisch_im_rheinland_1.html . Zuletzt aufgerufen am: 28.09.2021.

Steinke, Ronen (2020): Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt. Berlin: Dudenverlag.

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